Fokus

Der unbekannte Wald

Ein Wald im Gellert, nicht doch? Notiz davon nehmen zwar täglich viele Bewohner des Gellert-Hochhauses, aber «unten» nur die Wenigsten. Ein spannender Streifzug durch ein unbekanntes urbanes Waldstück in unserem Quartier.

Der sehr kleine Wald der Parzelle 1559, die sich bis zum Scherkesselweg hinzieht, ist kein Rest eines ursprünglichen Waldes in einem langsam gewachsenen urbanen Raum. Er ist eine Pflanzung des Eigentümers, der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), die im Bereich der Trassenüberbauung der A2 eine Aufforstung geleistet haben. Interessant ist die Betrachtung der verschiedenen Karten auf Geoportal Basel (GIS) und Swisstopo; dort erscheint der 1560 m2 grosse Wald nämlich gar nicht, nicht mal im Zoom-Modus! Dies im Gegensatz zum Bethesda-Areal wie auch dem Gelände, wo einst die MIBA ihren Standort hatte – sogar Einzelbäume erscheinen dort zwischen SBB und Wolf-Güterbahnhof.

Daraus zu schliessen, dass es den Wald nicht gibt, wäre vermessen. Viele Bewohner des nahe gelegenen Hochhauses an der Prattelerstrasse 11 – dem sogenannten Gellert-Hochhaus – sehen täglich auf diesen Forst, der Teil der Überdachung des Pratteler-Strassentunnels der A2 ist. Sie sehen aber auch auf die Trasse der SBB, welches ein Jahr später im Bereich der Parzelle 1559 eingedeckt wurde (darüber werden vornehmlich Güterzüge verschoben) und auf die Verbindung des Rangierbahnhofs Basel-Muttenz (offiziell Basel SBB RB).

Lange Suche nach dem Besitzer

Die SBB schreibt in einer Antwort auf meine Recherche: «Der Anlagenverantwortliche Natur, der innerhalb der SBB für derartige Flächen zuständig ist, hat keinerlei Kenntnis von diesem urbanen Waldstück». Die Millionen Fahrzeughalter, die in den letzten 35 Jahren durch den Pratteler-Tunnel gefahren sind, wohl auch nicht! Hinzu kommt noch ein weiterer Hinweis: Die Parzelle 1559, Zitat der SBB, «… steht im Eigentum der Schweizerischen Bundesbahnen SBB, welche das Areal im Baurecht an den Kanton Basel-Stadt abgetreten haben (Stand 24.7.1998)».

Nachfragen beim Amt für Wald beider Basel, mit Sitz in Sissach, haben ebenfalls Spannendes ergeben. So schreibt der Kreisforstingenieur «… die dortigen Eisenbahnlinien existieren seit ca. 1930». Der erwähnte Kreisforstingenieur ergänzte meine Anfrage mit folgendem Hinweis: «Wir gehen davon aus, dass der Wald im Zusammenhang mit dem Autobahnbau als Ersatzaufforstungsfläche gepflanzt wurde». 

Bezüglich Waldpflege besteht Unsicherheit, sowohl beim Kreisforstingenieur wie auch bei der SBB! Das Amt Wald beider Basel schreibt: «Die Waldpflege obliegt dem Waldeigentümer. Es dürften hier die SBB sein. Es ist natürlich denkbar, dass die SBB einen Pflegeauftrag der Stadtgärtnerei erteilen. Mir sind keine Details bekannt …». Eine Anfrage bei der Stadtgärtnerei bringt es an den Tag: Seit 2003 ist die National-Strassenverwaltung Nordwest-Schweiz (NSNW), ebenfalls in Sissach ansässig, dafür verantwortlich. 

In der Rubrik «Wald, Flora und Fauna» des Geoportals Basel (GIS Basel) findet man aufschlussreiche Eintragungen zum Waldanteil im Kanton: «Rechtlicher Wald» – dies trifft auch auf das urbane Waldstück der Parzelle 1559 zu. Der Kreisforstingenieur des Amtes Wald beider Basel schreibt: «Rechtlicher Wald meint, dass das Waldgebiet Wald im Rechtssinne ist. Es unterliegt somit der Waldgesetzgebung und ist durch diese geschützt». 

Die Bedeutung von kleinsten Grünflächen im urbanen Räumen braucht keine externen Sachverständigen, eher den Erhalt eines «Menschenrechtes», denn Grün tut allen gut!

Dazu ein Zitat aus einer Kurzarbeit von R. Melliger vom Institut für Natur-, Landschaft- und Umweltschutz der Uni Basel: «Kleine urbane Waldgebiete können zur Pflanzenvielfalt im Kanton Basel-Stadt beitragen und viele Ökosystemleistungen erbringen». 

Dauerbeschallung im Gellert-Hochhaus

Zum Schluss noch ein paar Zeilen zum Gellert-Hochhaus, einem der frühesten «Wolkenkratzer» in Basel, in einem einst privilegierten Wohnquartier. Die folgenden Worte stammen aus einer Betrachtung zur Fassadenrenovation von Marco Guetg (2005): «Das Hochhaus ragt mitten aus einem Areal, das inzwischen als Gellert-Dreieck bekannt ist. Wo einst Felder waren, breitet sich ein Container-Terminal aus. Vor dem Haus führt eine Bahnlinie durch, auf zwei Seiten brausen die Autos über die Autobahn. Ein Gewirr von Brücken, Unter- und Überführungen. Das Gellert-Dreieck ist laut: Über 150 000 Autos und Lastwagen donnern hier jeden Tag vorbei, dazu rund 800 Züge. In den oberen Geschossen liegt die durchschnittliche Lärmbelastung zwischen 57 und 59 Dezibel – rund um die Uhr. In der Nacht liegt der Pegel um nur gerade acht Dezibel tiefer. Bei dieser Dauerbeschallung ist klar: Wer im Gellert-Hochhaus wohnt, lebt hinter geschlossenen Fenstern».  

Der Wald mit seinen Bäumen in Griffnähe ist leider zu klein, um Mangelndes wettzumachen. Würden diese sprichwörtlich in den Himmel wachsen, kämen sie einem Lärmschutzgedanken sehr nahe. Dies führt unmittelbar zur Debatte der Osttangenten-Vollüberdachung oder dem Ansinnen, die Strecke gänzlich anders zu führen. Übrigens: Meinem Antrag für einen Ortstermin auf dem Dach des Gellert-Hochhauses zur Aufnahme des Waldes, also ohne Drohneneinsatz, ist die Verwaltung in Zürich nicht nachgekommen.