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Die Geschichte der pharmazeutischen Industrie in Basel

Die Geschichte der pharmazeutischen Industrie verlief nicht gradlinig – wie manche sich das vielleicht vorstellen – mit einer Firmengründung und dann sozusagen «von alleine» weiter. Es ist eine Geschichte mit ganz anderen Anfängen, die vorläufig mit dem heutigen Zustand endet.

Alles begann mit der Textilindustrie, welche nach der Aufhebung des «Edikts von Nantes» und der Vertreibung der Hugenotten von ebendiesen in der Schweiz eingeführt wurde. Schon früher hatten eingewanderte Seidenhändler, wie die Familie Pellizzari aus Plurs, Erbauer des Seidenhofs (1), versucht, hier eine gewerbsmässige Seidenindustrie aufzuziehen. Sie waren aber am Widerstand der Zünfte gescheitert, die nur ein auf das Zunftwesen beschränktes Gewerbe duldeten. Als die Hugenotten kamen – und genauso wie die Pellizzari weniger für die Einwohner als vielmehr für den Export produzieren wollten –, verschärfte sich der Konflikt. Die Seidenweber und auch die Posamenter wichen in der Folge aufs Land aus, installierten dort ihre Webstühle und liessen ihre Angestellten in Heimarbeit für sie weben. 

Die Nachfahren der Hugenotten hatten französische Namen. So war beispielsweise im Lehenmattquartier eine Familie de Bary vertreten, welche grosse Ländereien ausserhalb der Stadt besass. Ausserhalb der Stadt war nämlich auch ausserhalb des Einflussbereichs der Zünfte. Dem Grossen Rat entging es natürlich nicht, dass man mit der Exportindustrie sehr viel mehr Geld verdienen konnte, sofern die Produkte in der Stadt produziert wurden. So kam es dann auch, dass er sich mit der Zeit nicht mehr schützend vor die Zünfte stellte. 

Seidenband- und Farbindustrie

Im 18.Jahrhundert gelang es dem Basler Emanuel Hoffmann-Müller, einen Bandwebstuhl aus den Niederlanden nach Basel zu schmuggeln, obwohl dies streng verboten war. Dieser neue Bandwebstuhl schaffte 14 bis 16 Mal so viel wie die bisher gebräuchlichen. Die Seidenbandindustrie florierte fortan in Basel und machte ihre Bürger reich. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als sie wegen des Wechsels der Mode zusammenbrach. Dieser Umstand liess allerdings nicht alle mittellos zurück. Bereits früher hatten nämlich findige Geschäftsleute herausgefunden, dass die Bänder bzw. Garne auch gefärbt werden mussten und so wurde eine Farbindustrie ins Leben gerufen. Darunter auch die Firma J. R. Geigy.

Ganz am Anfang verkaufte das Unternehmen ausschliesslich natürliche Farbstoffe, doch schon bald – genauer gesagt 1859 – stellte es auch den synthetischen Farbstoff Fuchsin her. Dieser war neben Anilin einer der ersten synthetischen Farbstoffe, die im 19. Jahrhundert hergestellt wurden. Auch der Seidenweber Alexander Clavel, der in der Rebgasse Farbstoffe herstellte, musste ins Klybeck ausweichen, da die Stadt seine Verunreinigungen nicht mehr duldete. In der Folge gründete er die Chemische Industrie Basel (Ciba). 1886 wurde die Firma Kern & Sandoz gegründet, die unter anderem Alizarinblau herstellte. Dies alles war allerdings noch weit weg von der pharmazeutischen Industrie, die erst zehn Jahre später ihren Lauf nahm. Zu diesem Zeitpunkt nämlich gründete Fritz Hoffmann die erste rein pharmazeutische Firma, um den Hustensirup «Sirolin» herzustellen. 

Insektizide und Pharmazeutika

Vermehrt stellten die Firmen auf Produkte um, von denen sie sich die grössten Verkaufserfolge erhofften. Der Firma Geigy beispielsweise gelang mit der Entdeckung des DDT* ein grosser Erfolg, da in der von Kriegen zerrütteten Welt Insektizide dringend gebraucht wurden. Das Fleckfieber beispielsweise wurde durch Läuse übertragen und in Kriegszeiten verbreitete sich diese Krankheit epidemieartig. Die Malaria stellte für die in den Tropen kämpfenden Soldaten ebenfalls ein grosses Problem dar und Stechmücken konnten erfolgreich mit DDT bekämpft werden.

Auch der Wert pharmazeutischer Produkte wurde erkannt und so stellte man das Antirheumatikum «Butazolidin», das Diuretikum «Hygroton» oder das Psychopharmakon «Tofranil» her. Die Firma Sandoz begann mit der Herstellung des fiebersenkenden Stoffes Phenazon, da damals Infektionskrankheiten mit hohem Fieber vorherrschten. Mit dem Naturstoffchemiker Arthur Stoll begann die Firma, Mutterkornalkaloide als Medikament bei Geburten («Gynergen») zu verwenden – die Entdeckung des LSD war übrigens auch auf Versuche mit Mutterkornalkaloiden zurückzuführen. Daneben stieg Sandoz unter anderem mit «Ovomaltine» in die Nahrungsmittelindustrie ein.

Die chemische Industrie blühte und gedieh. Umweltkatastrophen wie in Seveso (Givaudan/Roche) oder Schweizerhalle (Sandoz) blieben zwar im Gedächtnis der Einwohner haften, nicht aber bei den Aktionären. 

Konkurrenz durch Generika

In den 1990er-Jahren verkündete der damalige Chef von Sandoz, Marc Moret, das Ende der Naturstoffchemie. Es gelte von nun an der Grundsatz «one drug, one substance», was bedeutet, dass kein Medikament mehr als einen Wirkstoff enthalten sollte. 

Was US-Amerikaner damals sagten, galt als unantastbare Wahrheit. Und so kam es, dass das ganze Wissen um die Naturstoffchemie verloren ging. Natürlich ist die synthetische Herstellung nur einer Substanz viel leichter, als dies bei komplizierten chemischen Verbindungen der Fall ist. Dennoch läutete die dogmatische Übernahme dieses unglücklichen US-amerikanischen Glaubensbekenntnisses den Anfang vom Ende ein, indem es den Weg für Nachahmerpräparate (Generika) frei machte. Die chemische Industrie verdiente zwar immer noch sehr viel, doch es kam zu einem Abwürgen von produktiven Ideen, so dass letztendlich viele Firmen ihr Heil nur noch in einem Zusammenschluss sahen. Zuerst schlossen sich Ciba und Geigy zusammen und nach einigen Jahren kam noch Sandoz dazu, was schlussendlich zur neuen Firma Novartis führte. Roche hingegen blieb unabhängig. 

Wie bereits erwähnt wurde, ist es relativ einfach, einen synthetischen Stoff – zumal wenn der Patentschutz abgelaufen ist – nachzuahmen. Das tat man auch in den sogenannten Schwellenländern und produzierte dort schon bald Generika zu sehr niedrigen Preisen. 

Life Sciences

Die pharmazeutische Industrie musste dringend neue Betätigungsfelder suchen und fand sie bei den Krebsmedikamenten. 

Krebskrankheiten nehmen stetig zu, wobei als Ursache oft das immer höhere Alter von Menschen angegeben wird. Ein Argument, das mich nicht restlos überzeugt. Als ich in Deutschland studierte, war dort Magenkrebs die Krebsart Nr. 1. Nachdem gegen grossen Widerstand der Lebensmittelindustrie die Eliminierung eines grossen Teils der Lebensmittelzusatzstoffe durchgesetzt wurde (es hat nach meiner Meinung immer noch genug E-Nummern), ging der Magenkrebs allmählich zurück. Auf der anderen Seite nahm beispielsweise Brustkrebs bei Frauen stark zu. Und dies, obwohl ich noch gelernt hatte, dass er sehr selten ist und vorwiegend bei Nonnen vorkommt.

Wie auch immer, um neue Medikamente gegen Krebs zu finden, stürzte sich die gesamte pharmazeutische Industrie auf die «Life Sciences», also Biochemie, Biotechnologie, Diagnostik und verwandte Branchen, die alle sehr aufwendig sind und daher nicht leicht kopiert werden können. Doch auch hier gilt es, die Konkurrenz aus dem Fernen Osten – allen voran Japan und China – nicht zu unterschätzen.

Ausblick

Wie wir gesehen haben, musste sich die Basler Industrie und Bevölkerung immer wieder veränderten Situationen anpassen. Das wird auch in Zukunft so sein. Im Moment schwimmt die Industrie noch in Geld (jedenfalls zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Artikel schrieb), aber es kann nicht ewig so bleiben. 

Ist ein Patentschutz einmal abgelaufen, nimmt die Nachfrage nach dem teuren Originalmedikament ab und Generika werden oft staatlich gefördert. Man kann nicht beides haben: gut verdienen und billig produzieren. Jedenfalls nicht in der Schweiz mit ihren hohen Löhnen. Die Rettung sehen nun alle in der Gentherapie. Das ist zwar gut und schön, aber um die entsprechenden Medikamente zu entwickeln, braucht es erfahrene, gut bezahlte Fachleute. Zudem müssen die Produkte einwandfrei sein und die Erfolge gut dokumentiert – vage formulierte Hoffnungen reichen da nicht aus.

Das alles kostet sehr viel Geld, denn Erfolge fallen nicht vom Himmel. Wenn ein Industrieunternehmen wie Novartis beginnt, seine Arbeitsplätze ins billige Ausland zu verlagern, dann müssen wir uns bald nicht mehr um zu wenige Wohnungen sorgen, sondern um das Gegenteil. Die Regierung muss dann, statt nur ihr Bedauern auszudrücken, sich aktiv darum kümmern, wie sie die wenigen Steuerzahler noch in Basel hält. Die schönen Geschichten, dass jemand in einer Garage einen Gedankenblitz hatte, der sich dann zum Milliardenvermögen entwickelte, halten der Realität nur selten stand. Die Entwicklung eines neuen Medikaments kostete bereits vor Jahren mehrere Hundert Millionen Franken und unterdessen ist man im Milliardenbereich. 

Dieses Geld kann heutzutage von Spin-offs und jungen Firmen mit einer guten Idee durch sogenanntes «Venture Capital» beschafft werden. Je weniger Geld allerdings vorhanden ist, desto geringer werden die Möglichkeiten für junge, innovative Kräfte, um ihre Träume zu verwirklichen.

Dann sind Länder wie China eine grosse Versuchung. Dort können Medikamente ohne vorherige Prüfungen direkt an Patienten erprobt werden, die dann einfach Pech haben, wenn sie daran sterben. Auch die Umweltverschmutzung ist in China – im Gegensatz zu Japan – egal. Es fragt sich dann, wie der westliche Markt solche Medikamente akzeptiert. Es könnte auch sein, dass sich statt der pharmazeutischen Industrie ganz andere Industrien in Basel entwickeln. Das kann nur die Zukunft zeigen.